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Hamburg Geschichten Liesel Goetze-Taylor

Blumenau 52, 22089 Hamburg

Liesel Goetze (geb. Seligmann, später Taylor) wurde am 22. Februar 1914 in Hamburg geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie im Auenviertel von Eilbek, in der Blumenau 52, in einem großzügigen Haus mit Garten. Die Umgebung war von Grünflächen, kleinen Wasserläufen und ruhigen Wohnstraßen geprägt. Ihr Vater, aus der alteingesessenen Hamburger Arztdynastie Seligmann stammend, war zum Christentum konvertiert und führte den Namen seiner Frau Goetze – eine bewusste Entscheidung, um die Kinder vor Antisemitismus zu schützen. 1916 wurde ihre Schwester Heidel geboren; ein Bruder war zuvor im Säuglingsalter gestorben.

Liesel Goetze-Taylor in London
Liesel Goetze-Taylor in London

Die Kindheit der beiden Mädchen war von familiärer Nähe und einem aktiven Alltag geprägt: Wanderungen, Reisen in die Berge, Wintersport und gemeinsame Unternehmungen gehörten selbstverständlich dazu. Die Praxis des Vaters in der Hamburger Straße 136/138 war eine feste Größe im Stadtteil. Er galt als Arzt für alle sozialen Schichten, besonders für die Hafenarbeiter und sogenannten „Blauhemden“. Die Atmosphäre des Elternhauses war geprägt von Stabilität und Zugewandtheit.

Liesel wurde 1916 in Alt-Barmbek getauft und 1930 in der Kirche St. Gertrud konfirmiert. Dort fand 1933 auch ihre erste Eheschließung statt. Ihr Interesse für Kunst und Bewegung zeigte sich früh: Bergwandern, Theater, Malerei und später insbesondere Ballett. Diese Neigungen vertiefte sie auf der Freien Schule in Wickersdorf (Thüringen), einem reformpädagogischen Internat, das die freie Entfaltung künstlerischer und sportlicher Fähigkeiten förderte. Während Liesel sich dort wohlfühlte, verließ ihre Schwester die Schule vorzeitig. Mit den zunehmenden Einschränkungen durch die nationalsozialistische Bildungspolitik wurde ihr der Schulabschluss verwehrt.

Liesel Goetze-Taylor im Internat
Liesel Goetze-Taylor im Internat

Zurück in Hamburg arrangierten die Eltern eine Ehe mit dem Sohn jüdischer Familienfreunde. Nach der Hochzeit reiste das Paar 1933 nach Brasilien, in der Hoffnung auf einen Neubeginn. Doch Liesel erkannte bald, dass sie in dieser Verbindung nicht bleiben wollte. Es folgten mehrere Hin- und Rückreisen zwischen Hamburg und Brasilien, bevor die Ehe geschieden wurde. Durch diese Eheschließung galt sie nun nach nationalsozialistischer Definition als „Volljüdin“.

Die Jahre zwischen Deutschland und Brasilien waren geprägt von Hoffnung und Enttäuschung: dem Wunsch nach einem Neuanfang, dem Ringen um Selbstbestimmung und der zunehmenden Distanz zur Familie. Nach ihrer endgültigen Rückkehr nach Hamburg verschärfte sich ihre Lage dramatisch. Verfolgung und Diskriminierung waren allgegenwärtig. Gemeinsam mit ihrer Schwester Heidel floh sie nach Wien. Dort wurde sie Zeugin öffentlicher Erniedrigungen jüdischer Bürgerinnen und Bürger nach dem „Anschluss“ 1938 – Erfahrungen, die sie nachhaltig prägten.

Der Versuch, von Wien nach Hamburg zurückzukehren, führte zu Verhaftung und Misshandlungen. Nur durch die Entschlossenheit ihrer Mutter und die finanzielle Unterstützung eines Verwandten gelang ihre Freilassung. Mit der Auflage, Deutschland sofort zu verlassen, floh sie nach London. Ihren Vater sah sie zuvor ein letztes Mal: gezeichnet von Folter, aber bemüht, Fassung zu bewahren. Am 8. November 1939 gelang ihm die Flucht in die USA. Dort starb er 1941 an den Folgen der erlittenen Verfolgung. Liesels Mutter überlebte den Krieg und kehrte nach Hamburg zurück; auch ihre Schwester Heidel fand nach Kriegsende den Weg in die Stadt zurück.

Liesel Goetze-Taylor (links) als Leiterin der Bahnhofsmission, Hamburg 1970er
Liesel Goetze-Taylor (links) als Leiterin der Bahnhofsmission, Hamburg 1970er

Liesel selbst lernte in Camp Ritchie ihren zweiten Ehemann kennen, den Vater ihrer Kinder Delphina und Bradford. In den späten 1940er Jahren wurde die Familie gegründet. Doch auch diese Ehe hielt nur wenige Jahre. Als alleinerziehende Mutter zog Liesel mit ihren Kindern nach Short Hills, New Jersey. Sie arbeitete als Lehrerin und engagierte sich sozial, unter anderem bei den Girl Scouts of America. Später kehrte sie nach Hamburg zurück und leitete für einige Jahre die Bahnhofsmission — eine Tätigkeit, die ihrem Wesen entsprach: zugewandt, offen, pragmatisch und mit besonderem Gespür für Menschen in schwierigen Lebenslagen.

Noch im hohen Alter blieb sie aktiv und geistig präsent. Sie feierte ihren 97. Geburtstag im Kreis ihrer Familie. Am 29. Mai 2011 starb sie in den USA. Ihre Urne wurde im Familiengrab der Goetzes auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt.

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